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Referenzen:   Projekt Kunst und Natur an der A14 Kultur

Kunstwerke und originelle Landschaftsgebilde gegen Autobahnlärm

Nerchau. Kunstobjekte, Bauwerke und das natürliche Umfeld wie tektonische Beschaffenheit, Fauna und Flora prägen von jeher den öffentlichen Raum der Menschen. Je origineller Kunst, Natur und Architektur miteinander korrespondieren, desto lebenswerter und unverwechselbarer erscheint ein Ort im Auge des Betrachters. Aber gilt das auch für das Ohr? Gilt das auch für den Raum entlang einer Tag und Nacht lärmenden Autobahn?


Jene Künstler, Landschaftsgestalter, Politiker und Anwohner, die sich am 14. Januar im Bürgerzentrum der sächsischen Kleinstadt Nerchau erstmals zu einer Fachtagung zusammenfanden, sind jedenfalls entschlossen, die Regionen rechts und links der A14 im Muldental als lebenswerten Raum zurück zu erobern. „Dass diese Aufgabe im Zusammenwirken von Kunstwerken und Landschaftsgestaltung und durch die Bündelung bürgerschaftlichen Engagements realisiert werden soll, macht dieses Projekt deutschlandweit einmalig“, ist Lutz Simmler überzeugt. Dem Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbandes Muldenland e.V. und Mitinitiator des Projekts „Kunst und Natur an der A14“ gelang es, davon auch die Koordinatoren des LEADER-Gebietes Sächsisches Zweistromland zu überzeugen. Seit kurzem wird das Vorhaben nun mit Mitteln der Europäischen Union und des Freistaates Sachsen gefördert.


Kunstinstallation Lärmbett
„Ich empfinde den Krawall der Autobahn in meiner Wohnung, als sei es eine Verkehrsinsel“, schrieb eine Prösitzer Seniorin in das Internetgästebuch des Projektes „Kunst und Natur an der A14“. Diese Eintragung mag die Künstlerin Ute Hartwig-Schulz zu dieser Installation angeregt haben, die sie auf der ersten Tagung der Projektakteure am 14. Januar im Nerchauer Bürgerzentrum vorstellt: Ein Bett aus dessen Kopfkissen unaufhörlich Autobahnlärm dröhnt.
Foto: Rudolph
Das Projekt umfasst den Autobahnabschnitt nahe der Kreisstadt Grimma. Hier sind die unmittelbar an der A14 gelegenen Dörfer Beiersdorf, Hohnstädt, Grottewitz, Prösitz und Bockelwitz von dem seit der Wende enorm gewachsenen Verkehrslärm und den Autoabgasen besonders stark betroffen. Die Wohngebäude dieser Orte befinden sich überwiegend in Talkesseln unterhalb der Autobahn, manchmal nur einen Steinwurf vom laut tönenden Betonband entfernt. Die Bewohner sind den Emissionen deshalb besonders schutzlos ausgeliefert. „Der Lärm der Autobahn ist ein ständig begleitendes Geräusch und wenn ich mal eine ruhige Minute habe, ist es trotzdem nicht ruhig, weil das Pfeifen der Autos nervt“, bringt die Prösitzerin Stefanie Meier im Internet-Gästebuch der Initiative zum Ausdruck, was viele Betroffene fühlen. Die Folgen sind augenscheinlich: Leerstehende Wohnungen und verlassene Höfe künden von einer schleichenden Entvölkerung der lärmgeplagten aber landschaftlich reizvollen Hügellandschaft.


Nachdem eine erste Bürger-Initiative zur Errichtung einer Lärmschutzwand in den Mühlen der Bürokratie zerrieben wurde, herrschte in den betroffenen Orten Resignation. „Die 1973 eingeweihte A14 ist ein Altbau. Nachträgliche Lärmschutzmaßnahmen sind damit gesetzlich nicht vorgeschrieben. Und das Autobahnamt ist nicht bereit, dafür freiwillig Mittel zur Verfügung zu stellen“, erläutert Simmler. Es sei jedoch zu erwarten, dass durch den Bau direkter Anschlüsse nach Prag auf der einen und über Magdeburg hinaus auf der anderen Seite das Verkehrsaufkommen weiter zunehme.


Mit dieser von der Arbeitsgruppe „Kunst und Natur an der A14“ organisierten Fachtagung und der neuen, originellen Herangehensweise keimt jetzt wieder Hoffnung. „So könnte es klappen“, zeigte sich Landrat Dr. Gerhard Gey überzeugt. Der Politiker des Muldentalkreises verwies in einer Talkrunde, an der auch der Bundestagsabgeordnete der Grünen Peter Hettlich teilnahm, darüber hinaus auf eine mögliche Änderung der Rechtslage durch die Autobahnbauten im Anschluss an die A14.


In den Fachvorträgen und Workshops während der Tagung in Nerchau entwickelten die Teilnehmer bereits zahlreiche künstlerische und landschaftsarchitektonische Ideen. Sie reichen von Schallkunstobjekten, die den Verkehrslärm mittels Frequenz-Interferenzen neutralisieren, über Rauminstallationen unter Einbeziehung der vorhandenen Vegetation, Daumenkino-Effekte bis zu Farbmarkierungen auf der Grundlage der in Nerchau produzierten Künstlerfarben. Der Leipziger Michael Koelsch informierte über die Möglichkeit, die in seinem Unternehmen entwickelte lärmschluckende Wand aus unbehandeltem Lärchenholz und Stroh einzusetzen und über den Stromverkauf aus Photovoltaikzellen auf der Wandabdeckung zu finanzieren.


„Das Projekt hat jetzt bereits eine Eigendynamik“, freut sich Projektgruppen-Mitglied Ute Hartwig-Schulz. Die Künstlerin, die in Prösitz ein Künstlergut leitet, ist sich sicher, dass die betroffene Region vor den Toren Leipzigs damit nicht nur ihre Lebensqualität wiedererlangt, sondern sogar aufgewertet wird. „Uns ist wichtig, dass die Landschaftsgestaltungen und Kunst-Objekte in jedem Fall einen Bezug zu dem Ort haben, wo sie auf die Vorbeifahrenden wirken“, nennt die Künstlerin als Prämisse. In einem nächsten Schritt sei geplant, das betroffene Gebiet mittels Kunstobjekten und Installationen zu „markieren“. „Noch ist die Projektentwicklung ergebnisoffen. Wer sich hier als Anwohner, Wissenschaftler, Künstler, Ingenieur oder Landschaftsarchitekt einbringen möchte, ist herzlich willkommen“, ermuntert Hartwig-Schulz.


Der Erfolg der Tagung macht auf die nächsten geplanten Vorhaben der Projektgruppe neugierig. Bereits am 18. März 2006 wird eine Zukunftswerkstatt mit Experten verschiedenster Fachrichtungen und Anwohnern stattfinden. Auf dem Workshopkongress im Juni dieses Jahres soll das bis dahin zu entwickelnde Projektkonzept fertig sein.


Ein Foto in druckfähiger Auflösung sowie eine Kurzfassung der Pressemitteilung steht im Pressebereich zum Downloaden bereit.


Weitere Informationen:
Landschaftspflegeverband Muldenland e.V.
Geschäftsführer Lutz Simmler
Nicolaiplatz 5
04668 Grimma
Telefon: 03437-9858460
Fax: 03437-9858462
E-Mail: lpv-muldenland.ev@web.de
Internet: www.lpv-muldenland.de
 



  ©  Rudolph-Reportagen - Dipl. Journ. Wolfgang Rudolph - Freier Journalist - Bad Lausick 2004 -